
Digitale Souveränität – ein persönlicher Blick von Dietmar Wiesinger
1. Souveränität ist nicht Autarkie
Was mir in Gesprächen mit vielen Führungskräften auffällt: Viele verbinden mit digitaler Souveränität das Bild völliger Unabhängigkeit – technologisch, organisatorisch und wirtschaftlich. Aber dieser Gedanke ist gefährlich irreführend. Schlussendlich darf man nicht dem Irrglauben verfallen, dass Souveränität Autarkie bedeutet. Autarkie ist eher ein Mythos als ein erreichbares Ziel, weil die globalen digitalen Ökosysteme extrem verflochten sind. Auf vielen Ebenen – von Infrastruktur über Cloud-Plattformen bis KI-Komponenten – gibt es wenige nennenswerte europäische Alternativen. Diese Realität müssen wir ehrlich anerkennen.
Digitale Souveränität heißt daher nicht, alles selbst zu machen oder alle Technologien selbst zu besitzen. Vielmehr bedeutet sie, Abhängigkeiten bewusst zu gestalten, zu verstehen und dort zu reduzieren, wo es strategisch wichtig ist.
2. Risiken bewusst analysieren – nicht nur Daten „lokal halten“
Ein immer wiederkehrender Fehler ist die Annahme, dass Daten automatisch sicher sind, wenn sie „im eigenen Rechenzentrum“ stehen. Das ist zu kurz gedacht: Souveränität hängt nicht vom Speicherort ab, sondern von Kontrolle und Governance. Nur Daten in einem abgeschotteten Kammerl zu belassen bedeutet nicht, dass man Cyberbedrohungen oder regulatorischen Anforderungen souverän begegnet. Wir müssen vielmehr verstehen, welche Daten kritisch sind, wie sie genutzt werden und wie ihre Nutzung nachverfolgt und gesteuert werden kann.
Jedes Unternehmen, ob groß oder klein, muss daher eine tiefe Risiko- und Bedrohungsanalyse durchführen – und dann klare Maßnahmen definieren, wie man mit diesen Risiken umgeht. Dabei kann es sehr wohl sinnvoll sein, mit vertrauenswürdigen Partnern zusammenzuarbeiten, die Expertise und Infrastruktur bereitstellen, die man intern nicht in dieser Tiefe abbilden kann.
3. Schutzbedarf und Unternehmenskontext definieren
Digitale Souveränität ist kein Einheitsprodukt, das für alle Unternehmen gleich ist. Was für einen Betreiber kritischer Infrastruktur essenziell ist, kann für einen Dienstleister mit geringeren Risiken überdimensioniert sein. Deshalb ist klassifizieren, was wirklich kritisch ist, ein Kernpunkt. Daten sind unterschiedlich schützenswert, Prozesse unterschiedlich geschäftskritisch. Diese Unterscheidung sollte am Anfang jeder Souveränitätsstrategie stehen.
4. Europa nicht isolieren – sondern smart nutzen
Ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt, ist Europas Rolle im globalen Technologieumfeld. Es ist eine Illusion zu glauben, dass Europa den gesamten Technologie-Stack – etwa große KI-Modelle – ohne Zusammenarbeit mit globalen Playern bauen kann. Stattdessen sehe ich die Chance darin, Europa als „Anwendungs-Weltmeister“ zu positionieren: Wenn europäische Unternehmen KI und andere digitale Technologien gezielt einsetzen, um echte Produktivitäts- und Wettbewerbsvorteile zu schaffen, stärkt das sowohl ihre Marktposition als auch den europäischen Technologiestandort.
Ich bin überzeugt, dass gerade spezialisierte Modelle und Anwendungen – dort, wo spezifisches Branchen- oder Domänenwissen gefragt ist – ein Bereich sein kann, in dem Europa mit weniger Aufwand große Wirkung erzielen kann.
5. Konkrete Schritte zur Stärkung der digitalen Souveränität
Abschließend möchte ich drei praxisnahe Empfehlungen mitgeben, die für Unternehmen jeder Größe gelten:
- Systematische Risikoanalyse: Ermitteln Sie Ihr eigenes Risiko- und Bedrohungsprofil, nicht nur theoretisch, sondern entlang Ihrer tatsächlichen Geschäftsprozesse.
- Daten- und Prozessklassifizierung: Nicht alle Daten sind gleich wichtig – klassifizieren und schützen Sie nach Kritikalität, nicht nach Speicherort allein.
- Bewusste Auswahl von Partnern: Setzen Sie dort auf Kompetenzen externer Spezialisten, wo Sie intern nicht die Tiefe abbilden können – gerade im Bereich Sicherheit und Governance ist das ein Schlüsselfaktor.
Digitale Souveränität ist für mich kein Ort, den man erreicht, sondern ein Prozess, den man gestaltet – mit klarem Blick auf Risiko, Nutzen und strategische Kontrolle.
Digitale Souveränität in der Praxis – konkrete Beispiele aus dem Unternehmensalltag
In der Diskussion rund um digitale Souveränität bleibt es oft auf der konzeptionellen Ebene. In der Praxis zeigt sich jedoch sehr schnell, dass es um ganz konkrete Entscheidungen und Abwägungen geht. Aus meiner Erfahrung lassen sich typische Anwendungsfälle erkennen, die verdeutlichen, wie digitale Souveränität tatsächlich gelebt werden kann.
Beispiel 1: Kontrollierte Cloud-Nutzung statt „Alles oder Nichts“
Ein mittelständisches Produktionsunternehmen stand vor der Entscheidung, ob sensible Betriebs- und Entwicklungsdaten in die Cloud ausgelagert werden dürfen. Der ursprüngliche Impuls war, aus Sicherheitsgründen alles ausschließlich on-premises zu betreiben. In der Analyse zeigte sich jedoch, dass nicht alle Daten denselben Schutzbedarf haben.
In der Praxis wurde ein hybrides Modell umgesetzt:
Geschäftskritische Konstruktionsdaten verblieben in einer stark gesicherten Umgebung mit klaren Zugriffsregeln, während weniger kritische Workloads bewusst in einer Cloud-Umgebung betrieben wurden. Entscheidend war nicht der Speicherort, sondern die transparente Kontrolle darüber, wer auf welche Daten zugreift, wie sie verarbeitet werden und welche Exit-Szenarien bestehen. Genau hier beginnt digitale Souveränität.
Beispiel 2: Datenklassifizierung als Grundlage für Souveränität
Ein Dienstleistungsunternehmen hatte formal hohe Sicherheitsstandards, behandelte aber nahezu alle Daten gleich. Das führte zu unnötiger Komplexität, hohen Kosten und langsamen Prozessen. Gemeinsam wurde zunächst eine Daten- und Prozessklassifizierung durchgeführt.
Das Ergebnis:
Nur ein kleiner Teil der Daten war tatsächlich hochkritisch. Durch diese Differenzierung konnten Schutzmaßnahmen gezielt eingesetzt werden, ohne Innovation zu blockieren. Digitale Souveränität zeigte sich hier nicht durch maximale Abschottung, sondern durch klare Priorisierung und bewusste Steuerung.
Beispiel 3: KI-Einsatz mit klarer Governance
Ein Unternehmen wollte KI-Tools zur Effizienzsteigerung einsetzen, insbesondere im Wissensmanagement und im Kundenservice. Die Sorge war groß, dass sensible Informationen unkontrolliert in externe Systeme gelangen könnten.
Die Lösung bestand nicht darin, KI zu verbieten, sondern klare Governance-Regeln zu definieren:
Welche Daten dürfen genutzt werden?
Welche Modelle sind erlaubt?
Wie wird der Zugriff dokumentiert?
Durch diese Regeln konnte KI produktiv eingesetzt werden, ohne die Kontrolle über Daten und Prozesse zu verlieren. Digitale Souveränität bedeutete hier, Innovation zu ermöglichen, ohne blindes Risiko einzugehen.
Beispiel 4: Bewusste Abhängigkeiten managen
Ein international tätiges Unternehmen war stark von einzelnen Technologieanbietern abhängig, ohne sich dessen bewusst zu sein. Erst eine strukturierte Analyse machte sichtbar, wo echte Abhängigkeiten bestanden und wo Alternativen möglich waren.
In der Praxis wurden Exit-Strategien, Vertragsklauseln und technische Alternativen definiert – nicht mit dem Ziel, sofort zu wechseln, sondern um handlungsfähig zu bleiben. Souveränität zeigt sich genau in dieser Fähigkeit: nicht jede Abhängigkeit vermeiden zu müssen, aber jede Abhängigkeit zu verstehen und steuern zu können.
Beispiel 5: Zusammenarbeit mit spezialisierten Partnern
Gerade im Bereich Security und Compliance stoßen viele Unternehmen intern an ihre Grenzen. Ein Unternehmen entschied sich bewusst dafür, nicht alles selbst abzubilden, sondern mit spezialisierten Partnern zusammenzuarbeiten.
Digitale Souveränität bedeutete hier nicht Kontrollverlust, sondern das Gegenteil:
Durch klare Rollen, transparente Prozesse und definierte Verantwortlichkeiten blieb die strategische Kontrolle im Unternehmen, während operative Exzellenz extern ergänzt wurde.
Was diese Beispiele zeigen
Digitale Souveränität entsteht nicht durch ideologische Entscheidungen oder starre Prinzipien. Sie entsteht durch:
- bewusste Risikoabwägung
- klare Klassifizierung von Daten und Prozessen
- kontrollierte Nutzung externer Technologien
- transparente Governance statt pauschaler Verbote
In der Praxis geht es nicht darum, möglichst unabhängig zu sein, sondern möglichst handlungsfähig zu bleiben – heute und in Zukunft.